Die Internationale Liga für Menschenrechte trauert um Reinhard Strecker, der am 2. August 2026 im Alter von 95 Jahren in Berlin verstorben ist. Reinhard Strecker war politischer Aktivist, Publizist und langjähriges Mitglied des Vorstands der Liga. Einen großen Teil seines Lebens widmete er der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit und insbesondere der Frage, wie ehemalige NS-Juristen nach 1945 ihre Tätigkeit in der bundesdeutschen Justiz fortsetzen konnten.
Bereits als Student der Freien Universität Berlin begann Strecker Ende der 1950er Jahre gemeinsam mit anderen Studierenden, die Vergangenheit von Richtern und Staatsanwälten zu recherchieren, die an Urteilen der NS-Justiz mitgewirkt hatten und später wieder im bundesdeutschen Justizdienst tätig waren. Aus diesen Recherchen entstand die von ihm initiierte Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“, die 1959 erstmals in Karlsruhe gezeigt wurde. Strecker brachte damit ein Thema an die Öffentlichkeit, das zu dieser Zeit noch auf erheblichen politischen und gesellschaftlichen Widerstand stieß. Die Ausstellung sollte auch an der Freien Universität gezeigt werden, doch auf Druck des Berliner Senats wurden dafür keine Räume zur Verfügung gestellt.
Über seine Motivation sagte Strecker 2019 im Gespräch mit der Deutschen Welle:
„Wenn ich in Deutschland bleiben sollte, musste sich das Land ändern. Dass man mit den alten Verbrechern die Demokratie aufbauen konnte, hielt ich für idiotisch. Ich musste etwas dagegen tun.“
Für seine Arbeit wurde Reinhard Strecker 2015 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Im Juni 2026 verlieh ihm die Freie Universität Berlin die Goldene Ehrennadel und würdigte damit seinen Einsatz bei der Aufarbeitung nationalsozialistischer Justizverbrechen.
Auch innerhalb der Internationalen Liga für Menschenrechte war Strecker über viele Jahre aktiv. Zu seiner Arbeit gehörte unter anderem die Prozessbeobachtung im Fall Oury Jalloh. Jalloh starb am 7. Januar 2005 bei einem Brand in einer Gewahrsamszelle des Polizeireviers Dessau, in der er an Händen und Füßen fixiert war. Wie der Brand entstanden war, blieb auch nach dem ersten Gerichtsverfahren ungeklärt.
Nachdem zur Beobachtung des wiederaufgenommenen Verfahrens vor dem Landgericht Magdeburg aufgerufen worden war, fuhr Strecker regelmäßig zu den Verhandlungen, um sich selbst ein Bild vom Prozess zu machen. In seinem für die Liga veröffentlichten Zwischenbericht schrieb er, dass er bis auf wenige Tage keine Sitzung versäumt habe. Bereits 2009 hatte er sich wegen der ungeklärten Fragen zum Tod Oury Jallohs an den damaligen Innenminister Sachsen-Anhalts gewandt und weitere Auskunft verlangt.
