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Ceuta: Marokko instrumentalisiert Migration als politisches Druckmittel – Internationale Liga für Menschenrechte fordert Konsequenzen für Marokko, Spanien und die EU

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Ende Juli kam es an der Grenze von Marokko und der spanischen Exklave Ceuta zu erschreckenden Ereignissen: Circa 75 Menschen verloren ihr Leben bei der Überquerung der Grenze durchs Meer, einige ertranken, andere wurden niedergetrampelt. Geschätzt 72.000 marokkanische Flüchtlinge versuchten an diesem und dem darauffolgenden Tag die Grenze zu überqueren,[1] ein Ereignis, das von rechtsextremen Medien fälschlicherweise als „Invasion Europas“ bezeichnet wurde.[2] Die Ursachen des plötzlichen Migrationsanstoßes sind nicht abschließend geklärt: Instrumentalisiert wurde vor allem ein Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs, das auf dem Seeweg ankommenden Geflüchteten keine sofortige Rückführung, sondern ein reguläres Verfahren zusichert.[3][4] Soziale Medien trugen durch Falschinformationen von „offenen Grenzen“ maßgeblich zu der Situation bei.[4]

Zur Einordnung der Situation in der Region ist vorrangig die Beziehung zwischen Marokko und Algerien entscheidend. Marokko besetzt die Westsahara seit 50 Jahren völkerrechtswidrig und unterdrückt das Selbstbestimmungsrecht der Sahrauis systematisch, auch durch diplomatisches Kalkül. Algerien, Marokkos „Rivale“, hingegen beherbergt über 170.000 sahrauische Geflüchtete sowie die sahaurische Exilregierung „Frente Polisario“.[5]

Vor kurzem stattete der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez Algerien einen Besuch ab, um die bilateralen diplomatischen Beziehungen zwischen Spanien und Algerien zu stärken, die 2022 ins Wanken geraten waren, nachdem Sánchez Marokkos Vorschlag aus dem Jahr 2007 für eine regionale Autonomie der Westsahara unterstützt hatte.[6]

Darüber hinaus wurde kürzlich ein Gesetzentwurf vom Justizausschuss des spanischen Parlaments verabschiedet, der – sofern er vom Unterhaus bestätigt wird – Sahrauis, die während der spanischen Besatzung der Westsahara geboren wurden, die spanische Staatsbürgerschaft gewähren und auch deren direkten Nachkommen einen Weg zur Staatsbürgerschaft eröffnen würde. Sollte dieser Gesetzentwurf verabschiedet werden, hätten über 200.000 Sahrauis über Nacht Anspruch auf die spanische Staatsbürgerschaft.[7]

Zusätzlich wird der Exklaven-Status international instrumentalisiert: Im Rahmen der Abraham-Abkommen erkannten die USA 2020 unter Trump Marokkos Souveränität über die Westsahara an und bereiten Investitionen in der Region vor.[7] Ein Trump-naher Berater forderte desweilen offen eine Invasion der spanischen Hoheitsgebiete in der Region Ceuta und Melilla durch Marokko. Das US-Repräsentantenhaus billigte zudem einen Gesetzentwurf zur faktischen Anerkennung Ceutas und Melillas als marokkanisches Gebiet. EU-Diplomat*innen sehen dies als Ermutigung Marokkos für ein offensives Handeln.[8]

2021 kam es bereits zu einem vergleichbaren Ansturm auf Ceuta, nachdem Spanien den Polisario-Vorsitzenden, Brahim Ghali, medizinisch behandelt hatte, was anschließend weithin als marokkanische Vergeltung gedeutet wurde.[1]

Auch der Umgang der EU-Mitgliedstaaten lässt nur Entsetzen übrig. Die EU-Innenminister forderten härtere Maßnahmen gegen Schleuser und stärkere Rückführungen, richteten den Fokus jedoch kaum auf Marokkos machtpolitische Rolle.[1] 22 EU-Staaten, darunter Deutschland unter Bundeskanzler Merz sowie allen voran Italiens postfaschistische Ministerpräsidentin Meloni, machten in einem offenen Brief Spaniens migrationsfreundliche Politik mitverantwortlich.[9] Die Mitgliedstaaten antworten weitreichend mit repressiven Mitteln: Italien setzt das Schengener Abkommen mit Spanien für einen Monat aus, es werden verschärfte Binnengrenzkontrollen gefordert (allen voran Deutschland, Frankreich und Italien) und konstanter Druck auf Spaniens migrationsfreundlicheren Kurs wird etabliert.[10][11]

Offiziell bleibt die Frage unbeantwortet, doch vieles deutet darauf hin, dass Marokko aus machtpolitischen Gründen die Sicherheit tausender sowie den Tod zahlreicher aufs Spiel setzte. Der Migrationszustrom scheint ein politisches Instrument der marokkanischen Regierung zu sein, insbesondere angesichts der Parallelen zu 2021.

Die Internationale Liga für Menschenrechte fordert daher:

  • die Regierung Marokkos auf, Migration nicht länger als politisches Druckmittel zu missbrauchen, das Selbstbestimmungsrecht der sahrauischen Bevölkerung anzuerkennen und die völkerrechtswidrige Besetzung der Westsahara zu beenden;
  • die Regierung Spaniens auf, die Rechte von Schutzsuchenden konsequent zu gewährleisten und völkerrechtswidrige Pushbacks an den Grenzen auszuschließen;
  • die Europäische Union auf, ihre Politik der Abschottung und Externalisierung zu beenden und stattdessen sichere Fluchtwege sowie einen wirksamen Zugang zum Asylrecht zu schaffen;
  • europäische Regierungen, politische Akteur*innen und Medien auf, Desinformation und politischer Instrumentalisierung entschieden entgegenzutreten – und stattdessen zu einer faktenbasierten, menschenrechtsorientierten Debatte beizutragen.

Quellen

[1] Reuters: EU ministers seek tougher migration response after Ceuta influx. Veröffentlicht am 4. August 2026, abrufbar unter: https://www.reuters.com/world/italy-ask-eu-funded-migrant-centres-emergency-eu-talks-ceuta-2026-08-04/

[2] SRF: Ceuta: Wie rechte Kreise die Migrationskrise instrumentalisieren. Veröffentlicht 3. August 2026, abrufbar unter: https://www.srf.ch/news/international/migrationsdebatte-wie-rechte-kreise-die-krise-in-ceuta-instrumentalisieren

[3] PBS News: Most of the 60,000 migrants who crossed into territory of Ceuta have left voluntarily, Spain says. Veröffentlicht am 31. Juli 2026, abrufbar unter: https://www.pbs.org/newshour/world/most-of-the-60000-migrants-who-crossed-into-spanish-territory-of-ceuta-have-left-voluntarily

[4] Süddeutsche Zeitung: Geflüchtete in Ceuta – Wie von fremder Hand gesteuert. Veröffentlicht am 2. August 2026, abrufbar unter: https://www.sueddeutsche.de/politik/migrantenansturm-ceuta-spanien-marokko-ursachen-folgen-li.3525203

[5] CODESA – Collective of Sahrawi Human Rights Defenders in Western Sahara: Western Sahara: The Final Test of the Credibility of the United Nations System. 50 Years of Moroccan Occupation of Western Sahara. 2025, abrufbar unter: www.codesa-ws.org

[6] Reuters: Spanish prime minister visits Algeria for talks to deepen bilateral ties. Veröffentlicht 20. Juli 2026, abrufbar unter: https://www.reutersconnect.com/item/spanish-prime-minister-visits-algeria-for-talks-to-deepen-bilateral-ties/dGFnOnJldXRlcnMuY29tLDIwMjY6bmV3c21sX09XQU5BQ0FBVklERU8yMDI2MDcyMDQyMDIzODk3

[7] El País: Spain moves forward with law granting citizenship to Sahrawis. Veröffentlicht am 23. Juli 2026, abrufbar unter: https://english.elpais.com/international/2026-07-23/spain-moves-forward-with-law-granting-citizenship-to-sahrawis.html

[8] Handelsblatt: Ceuta: Migrationskrise oder Angriff auf Spaniens Souveränität? Veröffentlicht am 2. August 2026, abrufbar unter: https://www.handelsblatt.com/politik/international/ceuta-migrationskrise-oder-angriff-auf-spaniens-souveraenitaet/100244507.html

[9] Deutschlandfunk: Von der Leyen fordert besseren Schutz der EU-Außengrenzen. Veröffentlicht am 3. August 2026, abrufbar unter: https://www.deutschlandfunk.de/von-der-leyen-fordert-besseren-schutz-der-eu-aussengrenzen-100.html

[10] Reuters: Italy reimposes border controls on Spain after Ceuta migrant surge. Veröffentlicht am 31. Juli 2026, abrufbar unter: https://www.reuters.com/world/italy-suspends-eu-schengen-free-travel-pact-with-spain-over-ceuta-crisis-2026-07-31/

[11] Deutschlandfunk: Streit um Europas Grenzpolitik. Veröffentlicht am 3. August 2026, abrufbar unter: https://www.deutschlandfunk.de/ceuta-eu-migration-flucht-schengen-frontex-grenzen-100.html

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