Die Internationale Liga für Menschenrechte gedenkt Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov, die dem rassistischen Anschlag in Hanau heute vor sechs Jahren, am 19. Februar 2020, zum Opfer fielen. Auch gedenken wir Ibrahim Akkuş, der den Anschlag schwerverletzt überlebte und am 10. Januar dieses Jahres im Alter von 70 Jahren den Spätfolgen seiner Schussverletzungen erlag[i].
Am Abend des 19. Februar 2020 eröffnete ein 43‑jähriger Mann an einem Kiosk und in mehreren Lokalen in Hanau das Feuer und tötete innerhalb weniger Minuten neun Menschen mit Migrationsgeschichte. Viele weitere wurden schwer verletzt. Anschließend tötete er seine Mutter und sich selbst[ii]. Als Tatwaffe dienten dabei legal erworbene Schusswaffen. Auch sechs Jahre nach dem Anschlag bleiben Forderungen der Angehörigen nach Aufarbeitung der Tatnacht und rechtlichen Konsequenzen ungehört.
Ermittlungen gegen die Behörden wegen des dysfunktionalen Notrufsystems und Versäumnissen bei der Waffenbesitzkontrolle des Täters wurden abgelehnt. Auch Anträge auf neue Ermittlungen gegen die Betreiber:innen der „Arena Bar“, Polizeibeamt:innen und städtische Mitarbeiter:innen bezüglich des verschlossenen Notausgangs wurden vom OLG Frankfurt abgewiesen[iii].
Während dem Betreiber fahrlässige Tötung vorgeworfen wird, sehen Staats- und Generalstaatsanwaltschaft keinen hinreichenden Verdacht für Ermittlung, da keine Gewissheit herrsche, ob die Gäste bei offenem Ausgang geflohen wären. Ein von der Familie in Auftrag gegebenes Gutachten kommt unterdessen zu dem Ergebnis, dass diese Gewissheit für eine rechtliche Bewertung gar nicht relevant sei. Entscheidend sei lediglich die Wahrscheinlichkeit einer Flucht[iv]. Ein Gutachten von Forensic Architecture kam nach Auswertung von Überwachungsvideos aus der Bar zudem zu dem Ergebnis, dass alle fünf Gäste bei einem offenen Notausgang hätten fliehen können[v].
Trotz dessen kam es bis dato zu keinem Verfahren; wichtige Zeug:innen bleiben unbefragt[vi]. Die Angehörigen von Hamza Kurtović haben diesbezüglich im November 2025 Verfassungsbeschwerde eingelegt. Deren Ergebnis bleibt abzuwarten. Darüber hinaus steht auch eine Klage vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof im Raum[vii].
Während Justiz und Polizei sich einer adäquaten Aufarbeitung der Geschehnisse entzogen, stieg die Zahl rassistisch motivierter Straftaten in den Folgejahren konstant an und markierte 2024 einen neuen Höchststand[viii]. Im selben Jahr waren knapp 3.000 aktenkundige Rechtsextremisten im legalen Besitz waffenscheinpflichtiger Waffen[ix]. Dreizehn der im Zuge des Anschlags im Einsatz gewesenen SEK-Beamt:innen waren zudem selbst Mitglied in rechtsextremistischen Chatgruppen[x]. All das zeigt, dass der Staat nicht nur auf dem rechten Auge blind ist, sondern seine Organe teils selbst in rassistische Strukturen verwickelt sind. Hanau war kein Einzelfall, sondern Folge ebenjener Strukturen. Dass die Aufarbeitung gänzlich Angehörigen und Zivilgesellschaft überlassen wird, ist inakzeptabel. Der Staat muss das Problem transparent angehen, anstatt sich schützend vor seine eigenen Institutionen zu stellen. Tut er das nicht, so bleibt er im Kampf gegen den
[i] Überlebender des rassistischen Anschlags: Er wurde am 10. Februar angeschossen: Hanau trauert um Ibrahim Akkuş, in: hessenschau, 16.01.2026 https://www.hessenschau.de/gesellschaft/er-wurde-am-19-februar-angeschossen-hanau-trauert-um-ibrahim-akkus-v1,ibrahim-akkus-tot-100.html (abgerufen am 10.02.2026)
[ii] 9. Februar 2020: Anschlag in Hanau, in: bpb: Bundeszentrale für politische Bildung, 13.02.2025 https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/559464/19-februar-2020-anschlag-in-hanau/#node-content-title-3 (abgerufen am 10.02.2025)
[iii] Die Hanau Datenbank: Dokument 2025-07-Oberstaatsanwaltschaft-Frankfurt: Strafanzeige an die Oberstaatsanwaltschaft Frankfurt, in: Frag den Staat, 26. 11. 2025 https://fragdenstaat.de/dokumente/273566-2025-07-oberstaatsanwaltschaft-frankfurt/ (abgerufen am 10.02.206)
[iv] Bauer, Max: Fünf Jahre nach Terroranschlag in Hanau: Viele Vorwürfe und Fragen, aber wenig Aufarbeitung, in: Tagesschau, 19.02.2025 https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/terroranschlag-hanau-aufarbeitung-100.html (abgerufen am 13.02.2026)
[v] Forensic Architecture: Racist Terror Attack In Hanau: The Arena Bar; 20.12.2021 https://forensic-architecture.org/investigation/hanau-the-arena-bar (abgerufen am 13.02.2026)
[vi] Bauer, Max: Fünf Jahre nach Terroranschlag in Hanau: Viele Vorwürfe und Fragen, aber wenig Aufarbeitung, in: Tagesschau, 19.02.2025 https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/terroranschlag-hanau-aufarbeitung-100.html (abgerufen am 13.02.2026)
[vii] Bauer, Max: Fünf Jahre nach Terroranschlag in Hanau: Viele Vorwürfe und Fragen, aber wenig Aufarbeitung, in: Tagesschau, 19.02.2025 https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/terroranschlag-hanau-aufarbeitung-100.html (abgerufen am 10.02.2026)
[viii] Mediendienst Integration: Zahl rassistischer Straftaten; 13.11.2025; https://mediendienst-integration.de/rassismus-und-antisemitismus/rassistische-straftaten/zahl-rassistischer-straftaten/ (abgerufen am 11.02.2026)
[ix] Deutschlandfunk: Mehr als 4.000 Waffen in Besitz von Rechtsextremisten und Reichsbürgern, 04.02.2026; https://www.deutschlandfunk.de/mehr-als-4-000-waffen-in-besitz-von-rechtsextremisten-und-reichsbuergern-100.html (abgerufen am 11.02.2026)
[x] Schmidt-Lunau, Christoph: ”Neue Dimension“ im SEK-Skandal, in: taz; 16.06.2021; https://taz.de/Rechte-Chats-bei-Polizei-Frankfurt/!5779462/ (abgerufen am 11.02.2026)
